Der Weg der Gotterkenntnis
empfangen durch Jakob Lorber

Wer immer einmal anfängt, daran zu denken, daß es einen Gott gibt, der alles, was da ist, erschaffen hat und alles erhält und leitet, der wird auch bald einsehen, daß alles, was da ist, gut und zweckmäßig eingerichtet ist. Er wird aus der weisen Einrichtung auch bald dahin ins klare kommen, daß der Schöpfer alles dessen, was da ist, höchst gut sein müsse. Denkt der Mensch recht oft daran und beurteilt also Schöpfer und Geschöpfe, so wird er den Schöpfer zu lieben anfangen, und von Tag zu Tag, immer mehr und mehr wird sich die Liebe zu Gott im Herzen des Menschen mehren und festen, und diese Liebe ist dann eben der jenseitige Geist des Menschen, von dessen Lichte die Seele durchdrungen und von dessen Lebenswärme sie belebt wird. Und ist das beim Menschen einmal der Fall, so ist es ihm dann auch nicht mehr möglich, sich je irgend einen Tod in sich zu denken.
Daß aber das leicht ein jeder Mensch mit und in sich bewerkstelligen kann, könnt ihr aus dem entnehmen, daß ein jeder Mensch Augen hat zum Sehen, Ohren zum Hören und den Geruchsinn, den Geschmack, das Gefühl und zu allem dem Verstand, Vernunft und Hände und Füße und einen freien Willen, durch den er nach Belieben seine Glieder in eine Tätigkeit setzen und seine Liebe ordnen kann. Also ausgerüstet, sieht er die Sonne auf- und niedergehen, - also den Mond. Er sieht die Sterne und zahllos viele Arten und Gattungen der Geschöpfe, die er betrachten und aus denen er Gott den Herrn stets mehr und mehr erkennen kann.
Ein jeder Berg, eine jede Ebene mit den vielen Früchten, ein jeder Strom, alle die verschiedenen und mit aller Schönheit geschmückten Gräser, Pflanzen, Gesträuche und Bäume und die gesamten Tiere geben ihm ja doch Stoff zur Genüge, der ihn über ihr Entstehen und Bestehen zu denken nötigt.
Denkt aber ein Mensch darüber nach, so wird ihm eine innere Stimme sagen, daß alles das nicht irgend von und aus sich selbst hat entstehen können, sondern daß da ein höchst weiser, liebevollster und allmächtiger Schöpfer dagewesen sein muß, der alles dieses geschaffen und geordnet hat, es jetzt noch forterhält und in einer stets veredelteren und vervollkommneteren Art ewig forterhalten wird, weil Er es schon seit für den Menschenverstand undenklichen Zeiten bis jetzt erhalten hat.
GEJ .06, 111,08-11
Du hast doch schon sicher oftmals die Schöpfung betrachtet in ihrem Sein und Wirken, und es kann dir nicht entgangen sein, daß darin eine gewisse Ordnung besteht, und daß die Formen eine Beständigkeit in sich nach allen Richtungen hin haben, aus der du stets leicht erkennen kannst, was dies oder jenes für ein Ding ist. Also erkennst du auch, welche Wirkung eines und das andere hervorbringt, und wozu es nach der erkannten Wirkung gut und also zu gebrauchen ist.
Wenn aber die ganze Schöpfung nach eurer neuen Weltweisheit nur ein Werk des blinden Zufalls wäre, würden da die Dinge in der Natur auch die gegenwärtige Seinsbeständigkeit nach allen Richtungen hin beibehalten? O mitnichten! Sieh, der Wind ist so eine mehr blinde Macht, obwohl nur zum Teile! Hast du schon je wann gesehen, daß er irgendeine bestimmte Form, die eine Beständigkeit hätte, allwo hervorgebracht hat? Er wühlt wohl den Staub auf und trägt ihn in losen Wolkenformen durch die Luft, wo sich die Formen in jedem Augenblicke verändern und nimmer als ganz dieselben je wieder zum Vorscheine kommen. Kannst du dir die Gestalt einer Wolke derart merken, daß du etwa nach ein paar Tagen sagen könntest: "Siehe, das ist ebendieselbe Wolke, die ich schon vor ein paar Tagen gesehen habe!"?! Oder kannst du am Meer irgend von einer Woge ein gleiches behaupten?!
Aus dem aber kannst du nun ganz leicht ersehen, daß eine blinde Kraft nie auch nur ein Moospflänzchen, das in derselben und ganz gleichen Form stets viele Jahrtausende hindurch wiederkehrt, hervorgebracht hat.
Wenn aber also, leuchtet da einem besseren Menschenverstande nicht von selbst ein, daß alles Werden, Sein und Bestehen, worin erstens eine bestimmte, unwandelbare Form, Beschaffenheit, Eigenschaft, Nutzwirkung und Endzweck gar absonderlich wohl und bestimmt zu erkennen sind, von einer solchen Kraft hervorgebracht werden muß, die eine unbegrenzte und unwandelbare, wennschon allumfassende Einsicht und Weisheit besitzt, ohne die du nie einen bestimmt geformten Gegenstand, sei es ein Stein, ein Metall, eine Pflanze oder ein Tier, je zu Gesichte bekämest?! Solch eine Kraft muß sicher eine einheitliche und ihrer selbst gar sehr wohlbewußte sein, weil ohne sie nichts eine bestimmte und in sich einheitliche Form annehmen könnte.
Und nun zweitens: Da du eine solche Kraft notwendig annehmen mußt, die als Ursein in sich allem Sein zugrunde liegt, so muß denn diese Grundurkraft ja doch auch einen entsprechenden Namen haben, durch den sie sich anfänglich in der Erinnerung und im Gedächtnisse der Menschen, die dazu da sind, diese Kraft zu erkennen, erhalten kann. Wer wird aber je nach der näheren Erkenntnis einer Sache fragen, von der er nicht einmal den Namen jemals gehört hat?! Wir wollen diese Urkraft allgemein einmal "Gott" nennen. Haben wir aber nun einmal einen Gott, so werden wir weiter fragen und sagen: "Wo ist denn dieser Gott, und wie sieht Er aus? Wie erschafft Er die Dinge, wie bringt Er als ein purster Geist die grobe Materie aus Sich zum Vorscheine?"
Und sich, wenn ein Mensch einmal also zu fragen beginnt, dann ist er schon auf einem besseren Wege! Er wird allen Geschöpfen eine höhere Aufmerksamkeit widmen und in ihnen forschen, wieviel von der göttlichen Urweisheit sich darin vorfinden möchte. Und je länger er also prüfen wird, desto mehr der göttlichen Weisheit und Ordnung wird er auch leicht und bald darin finden.
Hat er die gefunden, so wird er in seinem Herzen auch bald eine Anregung von Liebe zu Gott wahrnehmen und aus solcher Liebe stets mehr und mehr innewerden, daß Gott in Sich Selbst von der mächtigsten Liebe erfüllt sein muß, damit Er eine so große Lust und Freude hat, eine unzählige Menge von Dingen und Wesen, die nicht nur Zeugen von Seinem Dasein, sondern vielmehr noch Zeugen von Seiner Weisheit, Macht und Liebe sind, so wunderbar weise zu erschaffen.
Wenn der Mensch in solchen Betrachtungen und Innewerdungen wächst und zunimmt, da nimmt er offenbar auch in der Liebe zu Gott zu und nähert sich Demselben mehr und mehr; je größer und gediegener aber solche Annäherungen eines Menschen zu Gott hin werden, desto mehr des Geistes Gottes sammelt sich auch in seinem Herzen, in welchem dadurch der eigene Geist genährt und stets mehr und mehr erweckt wird zur wahren Erkenntnis des eigenen inneren Lebens und seiner Kraft, im Vereine mit der Kraft des göttlichen Geistes in ihm.
Hat ein Mensch es einmal dahin gebracht, so ist er schon in der Lebensmeisterschaft, und es geht ihm da nur noch die völlige Einung mit dem göttlichen Liebe- und Willensgeiste ab. Bewerkstelligt er auch das, dann ist er ein ganz vollkommener Lebensmeister und kann alles das bewirken, was Ich nun bewirke und auch Größeres noch.
Du siehst daraus, daß da ohne den wahren und lebendigen Glauben an einen einigen und ewig wahrhaftigen Gott kein Mensch zur Lebensmeisterschaft gelangen kann. Daher ist es vor allem notwendig, an einen wahren Gott zu glauben; denn solange du nicht glaubst, daß es einen allein wahren Gott gibt, solange kannst du auch keine Liebe zu Ihm in deinem Herzen wachrufen. Ohne solche Liebe aber ist es unmöglich, sich Gott zu nähern und endlich nahe völlig eins zu werden mit Ihm.
Ohne das aber kann von einer wahren Lebensmeisterschaft ebensowenig die Rede sein, als daß da jemand ein Meisterspieler auf der Harfe werden sollte, der nie von ihr etwas hat reden hören und noch weniger irgendwo eine gesehen hat.
Wenn du aber noch immer fragst und sagst: "Ja, wo ist denn Gott, und wie sieht Er wohl aus?", da sage Ich dir, daß das eigentliche Gottwesen niemand sehen kann und leben, - denn Es ist unendlich und somit auch allgegenwärtig und ist sonach als Reinstgeistiges auch das Innerste eines jeden Dinges und Wesens, das heißt in Seinem auswirkenden Willensmachtlichte; in Sich Selbst und für Sich aber ist Gott ein Mensch wie Ich und auch du und wohnt in einem unzugänglichen Lichte, das in der Welt der Geister die Gnadensonne genannt wird. Diese Gnadensonne aber ist nicht Gott Selbst, sondern sie ist nur das Auswirkende Seiner Liebe und Weisheit.
Wie du aber die Sonne dieser Welt wirken siehst dadurch, daß sie allenthalben gegenwärtig ist durch den beständigen Ausfluß ihres Lichtes nach allen erdenklichen Richtungen hin, also wirkt auch der Gnadensonne allenthalben wirkende Kraft als ein aus ihr strömendes Licht in allen Wesen schaffend und belebend gegenwärtig.
Wer nun versteht, recht viel des Lichtes aus der Gnadensonne der Himmel im Herzen seiner Seele aufzufangen, aufzunehmen und dann zu behalten durch die Macht der Liebe zu Gott, der bildet in sich selbst eine Gnadensonne, die der Urgnadensonne in allem völlig ähnlich ist, und die volle Innehabung einer solchen Gnadensonne ist dann eben soviel als die Innehabung der allein wahren Lebensmeisterschaft.
Die Klarheit und die lichte Fülle dieser wahrsten Lehre aber wirst du auch erst dann einsehen, wenn du auf diese Weise selbst zur Lebensmeisterschaft gelangen wirst; denn jetzt kannst du das noch nicht völlig fassen, obwohl du all das Gesagte ganz gut aufgenommen hast.«
GEJ.06, 087,05 - 088, 06
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Wer aber Gott lieben will, der muß ja zuerst glauben, daß es einen Gott gibt, der, als Selbst ganz Liebe, der ewige Urgrund aller Dinge in der ganzen Unendlichkeit ist. Wie aber kann ein Mensch zu solch einem Glauben gelangen? Am sichersten durch die Offenbarung, durch das Anhören des Wortes Gottes und durch die Erkenntnis des Willens der ewigen Liebe. GEJ. 09, 116, 22-23 |