Vom Jüngsten Gericht
empfangen durch Jakob Lorber am 19.03.1864

01] Ich habe euch schon gestern erwähnt, daß von dem außerordentlichen "Jüngsten
Gericht" im Evangelium Matthäi (l'Rabbas) und noch mehr beim Evangelisten
Lukas eine ausführlich große Erwähnung gemacht ist, und daß eben dieses jüngste
Gericht vielseitig schuld war und noch ist, daß sich gar viele Menschen von
Meiner Lehre ganz abgewandt haben, haben sich selbst Lehren aus der reinen
Vernunft nach ihren Verstandeskräften gebildet und nach denselben ihre
Nebenmenschen gelehrt, selbst gehandelt und gelebt und wollten von des
Schreckenstages Lehre und Propheten nichts mehr hören und wissen.
02] Denn sie sagten, und zwar nicht mit Unrecht: Wie kann ein endlos weiser
ewiger Gott, aus dessen großen und kleinen Geschöpfen sicht- und fühlbar nur
die Liebe atmet, eben die größte Anzahl der Menschen einzig darum nur ins
Dasein gerufen haben, um sie nach einem kurzen Leben auf einer materiellen Welt,
die ohnehin aus lauter Tod und Elend zusammengesetzt ist, nach dem Hintritte ins
Jenseits ewig zu quälen und zu plagen für die Vergehen, die sie in ihrem Leibe
auf der Welt begangen haben? -
03] Ich sage es euch, solches wäre nicht einmal dem höchsten und bösartigsten
Tyrannen auf der Welt möglich. Denn es ist sicher so manchem aus euch aus der
Geschichte der Ur, Vor, Nach- und Jetztzeit nicht unbekannt, daß sich zu große
Tyrannen am Ende vor sich selbst zu fürchten haben angefangen, und gar manche
aus ihnen haben sich geflüchtet ohne einen besonderen anderen Grund, als aus
einer sich stets steigernden Furcht vor sich selbst, und fanden auf solcher
Flucht auch gewöhnlich ihren Untergang.
04] Allein hier kann Ich euch in bezug auf solche Auswürflinge der menschlichen
Bosheit das hinzusagen, daß sie nach einer gewissen Zeit ihrer tyrannischen
Herrschaft von stets mehr und mehr bösen oder ungegorenen Dämonen in Besitz
genommen wurden und mußten ihnen als Werkzeuge ihrer dämonischen Rache, die
sie gegen ein Volk hegten, dienen.
05] Wenn man diese Tyrannen, die vor den Augen der Welt wahrlich Greueltaten auf
Greueltaten gehäuft haben, darum schon für ewig in die Hölle verdammen
sollte, so wäre man als Richter ja selbst ein tausendmal größerer Tyrann, als
diese es selbst waren. Wie könnte Derjenige, der Ich Selbst es war, den Vater
als die ewige Liebe in Mir unter den größten Schmerzen Meines Leibes für alle
diejenigen, die Mich gekreuzigt haben und haben kreuzigen lassen, bitten, daß
Er ihnen vergeben solle, indem sie nicht wüßten, was sie täten!
06] Denn von den Pharisäern, vom Hohenpriester Kaiphas angefangen bis zu den
Schergen, die Meinen Leib ans Kreuz geheftet haben, wußte wahrlich keiner, mit
wem sie es so ganz eigentlich an Mir zu tun hatten. Denn die Pharisäer hielten
Mich trotz aller Meiner Taten und Lehren erstens für einen Hauptmagier aus der
Schule der Essäer, die bei ihnen über die Maßen verhaßt waren, und fürs
zweite hielten sie Mich für einen Judenaufwiegler, als der Ich den Römern eine
Gelegenheit bereite, damit sie den Juden alle Freiheit und am Ende sogar ihren
Religionskultus verböten. Je größere Zeichen Ich demnach wirkte, desto mehr
wuchsen Meine euch wohlbekannten Feinde.
07] Was aber die Schergen betrifft, so waren die meisten Soldaten der Römer als
Söldlinge von allen Nationen des Römischen Reiches zusammengerafft und waren
den Römern um so lieber und wünschenswerter, je grausamer und herzloser sie
sich in den Schlachten und auch bei kleinen Exekutionen zeigten; denn ein gefühlvoller
römischer Soldat wäre ein wahres Unding für den kriegerischen Sinn der Römer
gewesen. Aus dem geht aber auch sicher hervor, daß die gemeinen römischen Söldlinge
noch weniger wußten, was sie taten, als Meine euch schon bekannten Erzfeinde
selbst.
08] Und es läßt sich hier wieder fragen, ob es nach Meiner göttlichen
Weisheit wirklich recht und gerecht gewesen wäre, alle diese für das, was sie
an Mir getan haben, für ewig in die Hölle zu verdammen und sie zu werfen in
die ewige Marter, Qual und Pein.
09] Habe Ich etwa den linken Schächer (zur linken Seite des gekreuzigten
Herrn), der Mich bekanntlich am Kreuze verhöhnte, darum verdammt? Dies steht
wahrlich nirgends geschrieben. Aber dem andern Schächer, der Mich als einen
Gerechten erkannte und dem linken Schächer wegen seines Höhnens einen guten
Verweis gab, gab Ich dafür die Versicherung, daß er noch am selben Tage bei
Mir im Paradiese sein werde, obschon er des Raubes und Mordes wegen am Kreuze
sterben mußte.
10] Wo bleibt denn da der so schrecklich geschilderte jüngste Gerichtstag, an
welchem etwa kaum ein Dezillionstel der Menschen in den Himmel kämen, alle
andern aber für ewig in die Hölle?!
11] Wie kann Der von einem solchen Schreckenstage gepredigt haben, der im Tempel
der Ehebrecherin Schuld in den Sand schrieb, und ein andermal in Gegenwart
vieler anwesender Sünder laut ausrief: "Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig
und beladen seid, Ich will euch alle erquicken!"
12] Wieder sagte Ich einst, als Mich ein Schriftgelehrter fragte, der so einen
halben Glauben an Mich bezeugte: Meister! ich erkenne, daß Du recht und gerecht
lehrest, und man kann dem, was Du lehrest, nichts einwenden, doch sagtest Du in
Deiner Lehre: Wer an Dich glaubt und nach Deinen Worten handelt, der wird das
ewige Leben haben - auch dann, so er stürbe, wenn es möglich wäre, zum
hundertsten Male in der Welt! Nun betrachte Du aber die Völker und Menschen auf
dieser Erde, die von Dir und Deiner Lehre sicher in zweitausend Jahren und darüber
nichts werden vernommen haben! Wie werden sie an Dich glauben und nach Deinen
Worten leben? Werden diese nahe zahllos vielen Menschen alle in den ewigen Tod
übergehen, weil sie an Dich nicht glauben konnten und nicht halten Deine Worte?
13] Da dieser Schriftgelehrte bei einer Gelegenheit zur Nachtzeit solche Frage
an Mich stellte, so zeigte Ich ihm mit zwei Fingern hinauf an das mit Sternen übersäte
Firmament: Da sehe hinauf, dies ist das Haus Meines Vaters! Und in diesem endlos
großen Hause gibt es gar viele Wohnungen. Wer Mich hier nicht konnte kennen
lernen und vernehmen Mein lebendiges Wort, für den wird sich schon in diesem
großen Hause irgend eine Gelegenheit finden zu dem Zwecke seines ewigen Lebens!
Darum sorge du dich nicht für jene, welche nun und auch in später Folge von
Mir nichts werden vernehmen können, denn Mein Vater kennet sie alle und hat
auch nicht einen von ihnen zum ewigen Falle, sondern nur zur ewigen Auferstehung
aus Seiner Liebe und Weisheit ins Dasein gerufen! Und du hast dadurch an Mich
zwar eine weise scheinende, aber darum doch eitle Frage gestellt. -
14] Habe Ich darum den schlechten Haushalter seines Herrn, was ihr im Grunde
alle mehr oder weniger seid, wegen seiner schlechten Haushalterei verdammt, weil
er seinen Herrn betrog, aber dabei dessen Schuldnern eine Wohltat erwies, und
das noch dazu in Folge (trotz der Folgen), weil er wohl wußte, daß ihn sein
Herr vom Dienste entlassen werde? Ich sagte da nicht: Werdet solch einem
Haushalter nicht gleich, sondern - tut desgleichen, wie auch er getan hat, und
jene, denen ihr auf Rechnung Meines Namens geistige und leibliche Wohltaten
erwiesen habt, werden euch dereinst in ihre himmlischen Wohnungen aufnehmen! -
15] Wo sieht bei solch einer Lehre der schreckliche einstige jüngste
Gerichtstag heraus, in welchem die zwei euch bekannten Nach-Evangelisten - als
der l'Rabbas statt des Mt. und der Theophilus statt des Lk. - so manches wider
Meine Liebe und Weisheit sich haben zuschulden kommen lassen?
16] Das meiste und Schaudererregendste aber ist erst nach der großen
Kirchenversammlung zu Nicäa - sowohl von seiten der griechischen, noch mehr
aber von seiten der römischen Oberbischöfe geschehen. Denn diese haben sich
alle Mühe gegeben, zum Teil aus dem heidnischen Tartarus und zum Teil aus dem
alten jüdischen Scheol dem jüngsten Gerichte, dem Fegefeuer und der Hölle die
lebhaftesten Farben zu verleihen und haben aus Mir in einer Person den euch
bekannten Äakus, Minos und Rhadamantus, die das jenseitige Richteramt führten
über die Seelen der Verstorbenen, gemacht. Und Ich muß demnach
allerunerbittlichst und unbarmherzigst alles richten, verdammen und auf ewig in
die Hölle verfluchen, was sich nicht den Anordnungen und Befehlen des
sogenannten Heiligen Vaters in Rom fügt.
17] Ich meine euch hiermit zur Genüge gesagt zu haben, daß weder Ich noch
irgendeiner Meiner echten Evangelisten die Erfinder und Lehrer alles dessen sind
und sein können. Denn Ich kann doch von Mir nicht selbst behaupten, daß Ich
heute die höchste Liebe und Erbarmung bin und morgen die höchste Rachgier,
unerbittlichste Unbarmherzigkeit und ewige Straf- und Martersucht gegen Meine
Kinder ob ihrer Vergehen, an denen sie grundursächlich oft nicht den
hundertsten Teil der eigentlichen Schuld tragen.
18] Denn Ich bin ja nicht gekommen, um das, was verloren war, noch mehr
verloren zu machen, sondern es in aller Liebe aufzusuchen und wieder an das
Licht zu bringen, damit es nicht verlorengehe. Als Arzt kam Ich ja nur der
Kranken und nicht der Gesunden wegen in die Welt. Hätte Ich die Kranken etwa
noch kränker machen sollen, als sie es ohnedies schon waren? Das ginge wohl
nach der Lehre und nach dem Sinne der Pharisäer und besonders der vielen
sogenannten heiligen Väter Roms. Aber nach Meinem Sinne, der Ich Selbst als
Mensch Mich von andern Menschen nicht einmal ,guter Meister' nennen ließ, geht
das nicht; denn Ich sagte: Was heißet ihr Mich gut? Niemand ist gut als Gott
allein. Also sollet ihr auch niemanden ,Vater' nennen, außer euren Vater im
Himmel. Und niemand ist heilig, denn nur Gott allein! -
19] Was ist hernach von einem solchen sein wollenden Stellvertreter Gottes auf
Erden zu halten, der sich selbst ,Heiliger Vater' und ,Seine Heiligkeit'
titulieren läßt, - und was von dem am meisten von ihm ausgehenden jüngsten
und vorhergehenden besonderen Gerichte, Fegefeuer und Hölle zu halten?! -
20] Ich sage euch, ebensoviel als von seiner Heiligkeit, von seinen ihm
untergeordneten Eminenzen, vom Stuhle Petri in Rom, welche Stadt Petrus nie
gesehen hat, und von den Kreuzpartikeln etwa desjenigen Kreuzes, auf dem Ich
gekreuzigt wurde, das sich aus höchst weisen Gründen auf der ganzen Erde
ebensowenig als echt irgend mehr vorfindet, als wie wenig Mein Leibrock, der zu
Trier in Deutschland zu öfteren Malen gezeigt wurde, echt ist oder die Gebeine
der Drei Könige zu Köln oder die drei eisernen Nägel in Mailand, da es deren
in allen römischen und griechischen Kirchen zusammen eine solche Anzahl gibt,
daß man mit ihnen eine Eisenbahn von nahe einer Meile Länge herstellen könnte.
21] Das Weitere könnt ihr euch wohl selbst denken, und Ich brauche euch darüber
nicht viel mehr zu sagen. Daß man bis jetzt bereits über drei echte Köpfe Joh.
des Täufers gefunden hat, wird euch mehr oder weniger bekannt sein sowie
auch, daß man in der Grotte Meiner Geburt noch fortwährend versteinerte Milch
Meiner Mutter Maria auffindet und um Geld an die frommen Pilger verkauft nebst
vielen anderen heiligen Reliquien.
22] Haltet euch daher nur an den Evangelisten Johannes, denn dieses Evangelium
sowie seine Offenbarung sind von seiner Hand geschrieben. Was aber die zwei
andern Evangelisten betrifft, als den Mt. und Lukas, so habe Ich euch schon
gezeigt, welche Bewandtnis es mit diesen beiden und deren Evangelien hat. Nach
Joh. ist Mk. noch am meisten zu berücksichtigen, denn das, was er in aller Kürze
gibt, hat er zumeist aus den Schriften und Lehren des Apostels Paulus geschöpft.
23] Und somit Schluß in puncto des allerschrecklichsten, am Ende aller Zeiten
kommen sollenden jüngsten Gerichtstages Amen.
(jl.him3.333)