Von der Bitte um Hilfe

Der Herr ist zwar überall der allmächtige Helfer und Besieger aller Hindernisse, aber Er muß auch nach dem Grade und Maße des Hindernisses zu Hilfe gerufen werden, sodann erst wird es geschehen, was da geschehen soll. Ihr saget hier freilich: Ja, warum aber das? So wir den Herrn um Hilfe anflehen, da wird Er uns wohl nicht weniger helfen, als wir es vonnöten haben. Ich sage euch: Ihr habt in einer Hinsicht zwar wohl recht, aber nur insoweit, als ihr daneben irrigerweise anzunehmen genötigt seid, dem Herrn sei wenig oder gar nichts daran gelegen, wie euer eigenes Erkenntnisvermögen bestellt ist. So etwas aber anzunehmen, meine ich, dürfte doch ein wenig zu töricht sein. Der Herr aber will ja vor allem die Selbsterkenntnis der Kinder erheben; daher läßt er auch alles von ihnen (selbst) eher beurteilen und bemessen, also auch ihre Not, auf daß sie ihm dann dieselbe nach ihrer Erkenntnis vortragen sollen, und Er ihnen dann helfe nach ihrer eigenen Erkenntnis und Verlangen.

Aus diesem Grunde aber, meine lieben Freunde und Brüder, soll da auf der Erde auch niemand ein sündiges Hindernis auf der eben sein sollenden Bahn seines Lebens mit einem leichtfertigen Maßstabe bemessen, sonst muß er es sich selbst zuschreiben, wenn ihm nach vielen Gebeten nicht die erwünschte völlige Hilfe wird.  Denn der Herr ist zwar überaus liebevollst gut und freigebig mit seiner Gnade und Erbarmung, aber dabei dennoch stets im vollkommensten Grade respektierend die freie Tätigkeit des Geistes in jeder Beziehung, sowohl in der Willens- als in der Erkenntnissphäre. Unter uns aber gesagt, tut ein jeder Mensch für sich genommen besser, wenn er in Anbetracht seiner selbst, wie ihr zu sagen pfleget, aus einer Mücke einen Elefanten macht, als umgekehrt, und es wird dann sein, daß derjenige, der von solch einem Standpunkte aus um vieles bittet, auch viel empfangen wird; wer aber um weniges bittet, der erwarte ja nicht, daß ihm der Herr ein unerkanntes und unverlangtes Plus auf den Rücken nachwerfen wird. 

Tut ihr ja auch das gleiche auf der Erde untereinander. Warum sollte es der Herr nicht tun, der dafür den liebeweisesten Grund hat? Wird wohl selbst ein allerbestgesinnter reicher Mann einem, der ihn bittet, ihm zweihundert Taler zu leihen, allenfalls streng benötigte zweitausend Taler geben? Ich sage euch: Solches wird er nicht tun, und wüßte er es auch augenscheinlichst, daß der bittende Entleiher unumgänglich notwendig der größeren Summe vonnöten hat. Er wird wohl, ebenfalls aus dem edlen Grunde seines Herzens, zum Entleiher sagen: Ich leihe dir recht gerne die verlangte Summe, wenn sie dir in deinem Bedürfnisse nur genügen wird. Wenn bei solch einem Stupfer der Entleiher noch immer in seinen blindtörichten Schüchternheitsschranken sich bewegt und bleibt bei seiner ersten Petition, saget euch selbst, wer dann die Schuld trägt, wenn dem Entleiher mit 200 Talern nicht gedient ist. Aus dem Grunde aber soll sich ein jeder genau erforschen und seine Not genau bemessen, und dann erst an den heiligen, allmächtigen Helfer sich wenden, so wird ihm schon sicher die gerechte Hilfe werden, wenn er dieselbe glaubensfest, vertrauensvoll und liebeernstlich von Ihm erwartet. (GS, Bd2, 30,10-18)

Um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch denn auch gegeben werden1, und wo auch nur zwei oder drei von euch in Meinem Namen vollgläubig sich versammeln werden, da werde Ich im Geiste Meiner Liebe, Macht und Kraft mitten unter euch sein.2 Um was ihr dann volltrauig bitten werdet, werde Ich euch denn auch geben, so das, um was ihr bittet, fürs Heil eurer Seelen gedeihlich ist. Werdet ihr aber um eitle Dinge dieser Welt bitten, so werden sie euch nicht gegeben werden, gleichwie auch ihr einem Kinde, so es euch noch so bitten würde, kein scharfes Messer zum Spielen in die Hände geben werdet, aus dem Grunde, da ihr es wohl wisset, daß sich eure Kinder mit dem scharfen Messer nur zu bald und zu sicher beschädigen würden. Ihr seid aber nun in den geistigen Dingen auch noch mehr oder weniger unerfahren, und Ich allein weiß es am allerbesten, was euch not tut zur Erreichung des ewigen Lebens. Darum suchet nur vor allem Mein Reich und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch schon hinzugegeben werden; denn Ich weiß es allzeit und ewig, wessen ihr bedürfet.3 So ihr Mich in der Folge aber schon um eines oder anderes bitten werdet, da bittet Mich um etwas Gerechtes, Gutes und Wahres!

(GEJ, Bd. 10, Kap 108,11-14)


So ihr das nun wohl begriffen haben werdet, da wird es euch auch leicht und bald vollends klar und sehr einleuchtend werden, um was ihr Mich vor allem zu bitten haben werdet, und so ihr Mich um etwas Rechtes volltrauig werdet gebeten haben, da wird es euch auch gegeben werden im rechten Maße. Bittet sonach vor allem stets um das, was zum wahren Wohle eurer Seele dienlich ist, und sehr selten und wenig um das, was eurem Leibe dienlich ist! 
(GEJ, Bd. 10, Kap 109, 11)


1Joh. 14, 13: "Wenn ihr dann in meinem Namen, unter Berufung auf mich, um irgendetwas bittet, werde ich es tun." (GNB)
2Mt. 18, 20: "Denn wo zwei oder drei in meinem Namen zusammenkommen, da bin ich selbst in ihrer Mitte." (GNB)
3Mt. 6, 33: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen" (LUT)


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[Jakob Lorber]